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Ein Tag im Haus der Geschichte in Bonn

Vor vielen Jahren war ich schon einmal im Haus der Geschichte in Bonn. In der Zwischenzeit haben sie umgebaut und natürlich erweitert (Geschichte bleibt ja nicht stehen). Und da ich momentan ohne Rücksicht auf Begleitung exzessiv ins Museum gehen kann, habe ich die Gelegenheit genutzt, mich bei diesem Museum auf einen aktuellen Stand zu bringen.

Es gibt sehr, sehr wenige Museen, die mich bisher rundum zufriedenstellen konnten. Genauer gesagt... dreieinhalb Museen:

  • Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven.
    Ein absolutes Muss, wenn man etwas über die deutsche Auswanderungsgeschichte erfahren möchte.
  • Das Neanderthal Museum in Mettmann.
    Vorbildliche und begeisternde Präsentationen der frühen Menschheitsgeschichte. 
  • Das Buchheim Museum am Starnberger See.
    Expressionismus galore! Wir hatten damals das unfassbare Glück, eine Führung von einer sympathischen jungen Frau zu bekommen, die mit jeder Faser für diesen Stil gebrannt und uns alle mit ihrer Begeisterung in ihren Bann gezogen hat. Habe ich in dieser Form vorher und nachher nicht erlebt.
  • Das halbe Mal war das National Museum of Scotland in Edinburgh vor mehr als 25 Jahren.
    Ich konnte da alleine durchschlendern und habe leider nur die Hälfte geschafft. Das Personal hat mich hinausbegleitet, weil es Feierabend machen wollte...

Das Haus der Geschichte reiht sich nun zu Recht in diese Liste ein!

Hintergrund

Auf Drängen Helmut Kohls im Jahr 1982 öffnete das Museum im Jahr 1994 seine Tore als Ort der Besinnung auf die (bundes-)deutsche Geschichte und als Mahnung zur Wiedervereinigung.

Es gibt meines Wissens nach keine privatwirtschaftlichen Fördergelder. Der Bund finanziert das Museum zu 100%. Der Bundeshaushalt stellt dafür jährlich ca. 25-26 Millionen Euro zur Verfügung.

Mit etwa 850.000 Besuchern jährlich gehört es zu den am meisten besuchten Museen in Deutschland.

Anfahrt

Ich bin mit dem Zug angereist. Am Bahnhof Bonn UN-Campus steigt Ihr aus und nach knapp 500m Fußweg steht Ihr vor dem Museum.

Natürlich kann man auch mit U-Bahn, Bus oder Auto anreisen. So weit ich mich erinnern kann, hat das Museum einen eigenen U-Bahn-Eingang, und wenn man den benutzt, kommt man am ausgestellten Salonwagen vorbei.

Das Museum

Es ist architektonisch zweckmäßig und durch den vielen Beton etwas unterkühlt gestaltet, aber durch geschickte Akzente nicht abweisend.

Der Eintritt ist kostenlos, die Abgabe der Klamotten an der Garderobe auch und die Schließfächer lassen sich über Zahlenschlösser absichern.  

Das Angebot im Café ist überschaubar, aber mir persönlich macht das nichts. Ich erinnere mich, dass wir damals beim ersten Besuch extra früh aufgeschlagen sind, weil wir dachten, wir könnten dort auch frühstücken... nö. Ein Käffchen ist aber drin, etwas Knabberkram auch. Ansonsten kann man sich selber etwas mitbringen und es im Café, im Foyer oder im Museumsgarten verzehren.

Die Ausstellung

Die Dauerausstellung umfasst den Zeitraum von 1945 bis heute, also von der Befreiung vom Naziregime bis zu Corona und Klimawandelfolgen.

Der Einstieg 1945 mit Bildern zum Sieg über Nazi-Deutschland ist heftig. Bilder von befreiten Vernichtungslagern zeigen geradeheraus den Horror und das Elend der Inhaftierten. Es waren nicht wenige Eltern unter den Besuchern, die bei den unverblümten Fragen ihrer grundschulalten Kinder ins Schwimmen kamen.

Sehr geschickt ist die Gegenüberstellung von Bundesrepublik und DDR bis 1990 gelöst, die die parallele Entwicklung beider Staaten im Inneren wie im Äußeren vergleicht.

Generell ist die Präsentation der Ausstellung toll umgesetzt: Viele zeitgenössische Dokumente und Gegenstände, ausführlich beschrieben und in einem passenden Zusammenhang präsentiert. Dabei beschränkt man sich nicht nur auf die Top 100 der Hitparade des Geschichtsgedönses, das auch alle anderen Museen zeigen. Es sind viele leise Untertöne dabei wie persönliche Gegenstände und Erinnerungsstücke, aber auch erfrischende Blickwinkel wie z.B. der Fokus auf die Rolle von Frauen bei der Erstellung des Grundgesetzes. Ich musste dabei unwillkürlich an den Film Hidden Figures denken.

Es gibt einerseits sehr viel zu schauen und zu lesen, aber auch der Mitmachfaktor ist sehr hoch: Ob man jetzt mit einer Stempelkarte verschiedene Stationen abläuft, sich auf Abgeordnetenplätzen an Abstimmungen beteiligt, beim Großen Preis Fragen aus den 70er und 80er Jahren beantwortet oder zwischendurch immer mal wieder seine Gedanken auf kleinen Zettelchen an Pinnwänden anheften kann: Das Museumsthema Du bist Teil der Geschichte kann man durchaus als Du bist Teil dieses Museums verstehen!

Gerade im Themenbereich über die 70er und 80er Jahre schwelgten die umstehenden älteren Semester und ich sichtbar in Erinnerungen. Palim, Palim!

Es empfiehlt sich, an der Information im Eingangsbereich einen Wegweiser zu holen, der einen zumindest nicht falsch abbiegen lässt! Die einzelnen Räume sind thematisch vollgestopft, ohne einen zu erschlagen, aber manchmal ist die chronologische Wegführung etwas verwirrend.

Zum Ende hin lockert es etwas auf, aber das liegt wohl daran, dass es halt die jüngere Geschichte ist. Da werden sich über die nächsten Jahre sicherlich viele weitere Ausstellungsstücke ansammeln. Beeindruckend ist es aber dennoch: Exponate zum Hochwasser 2021 können zwar nur andeuten, wie schlimm es damals im Ahrtal war. Stellt man sich aber neben die installierte 10m-Leiste, die den Hochwasserstand anzeigt, bekommt man einen bleibenden Eindruck.

Generell sind die Beschreibungen der Exponate in ihrem historischen Zusammenhang ausgeglichen. Wo es sinnvoll und notwendig ist, zeigen sie kontroverse Betrachtungen, ohne Partei zu ergreifen. Es bleibt dem Besucher überlassen, was er daraus macht.

Ein Teil der Dauerausstellung widmet sich dem Umgang der Deutschen mit der Aufarbeitung der Nazi-Zeit. Aktuell gibt es am Eingang auch noch eine detaillierte Sonderausstellung dazu. Beides ist nichts für zuversichtliche Menschenfreunde... die Fliegenschiss-Aussage ist kein Ausreißer.

Fazit

Ich war 8 Stunden im Haus der Geschichte und habe fast alles sehen können. Im Keller gibt es noch die Ruinen von römischen Thermen und den Salonwagen zu besichtigen. Beides habe ich nicht mehr geschafft.

Es passiert nicht oft, dass ich aus einem Museum geleitet werde, weil die Angestellten in den verdienten Feierabend gehen wollen. Die 8 Stunden sind wie im Fluge vergangen, ich fühlte mich kurzweilig unterhalten und informiert. Die 25-26 Millionen Förderung aus dem Bundeshaushalt halte ich für gerechtfertigt und bestens investiert.

Wer sich für die deutsche Geschichte nach 1945 interessiert, für ihre Höhen und Tiefen, für die Zeit um die Wiedervereinigung und dafür, wie sich ein vereintes Deutschland so in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, wer einen Tag Zeit hat (nicht gerade an einem Feiertag... es war voll wie Bolle!), wer wissen möchte, wie Deutschland zur Zeit der Eltern und Großeltern getickt hat, dem lege ich einen Besuch im Haus der Geschichte wärmstens ans Herz!

Es müssen ja keine 8 Stunden sein. Vielleicht findet Ihr an der Museumsmeile eine tolle Ausstellung und habt danach noch etwas Zeit und Lust übrig. Ihr könnt auch mit einer Stippvisite nichts verkehrt machen.