
Statistik, oder: Wenn Zahlen Eindruck schinden (sollen)
Auf Mastodon war dieser Tage folgender Tröt (ja, so heißen die Beiträge dort) zu lesen:
den meisten geht es einfach nur um die vernichtung des jetzigen system ... das es danach allesn viel viel viel schlechter geht, ist diesen menschen egal, weil sie sind schon ganz weit unten
Und ich wusste, dass ich am Tag nach der Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg im Portal der Tagesschau eine sehr interessante Statistik zur wirtschaftlichen Selbsteinschätzung der Wählerinnen und Wähler gesehen habe, die diese Aussage zumindest etwas relativieren würde.
Also habe ich mich auf die Suche gemacht und auch eine Statistik gefunden, die jetzt (im Juni 2026) aber so gar nicht mehr aussieht wie das, was ich im März 2026 gesehen habe.
Aktuell sieht das Chart so aus:

Die Blauhemden liegen mit 41% bei den wirtschaftlich Abgehängten weit vorne, dann mit weitem Rückstand (pun intended) die reaktionäre Union und darunter die restlichen Parteien. Beeindruckend, deprimierend, empörend?
Abgesehen davon, dass der Vergleich zur Landtagswahl 2021 nicht nachprüfbar ist, da sich im Archiv kein Chart zur wirtschaftlichen Selbsteinschätzung findet, sah das Chart für 2026 meiner Erinnerung nach vorher aus wie die wirtschaftliche Selbsteinschätzung zur Landtagswahl 2016:

Das sieht auf einmal gar nicht mehr sooo schlimm aus: Ja, es waren vor 10 Jahren immer noch 35% Menschen, die sich wirtschaftlich abgehängt sahen und die die Republik brennen sehen wollten, aber die Mehrheit aller Wählenden schien am Ende des Monats noch Geld übrig zu haben.
Kleiner Einschub: Rundungsfehler bei Alle, egal. Und wir hinterfragen jetzt mal nicht, wo bei der SPD die fehlenden 4% hingekommen sind.
In dieser balanzierten Darstellung würde sich für die Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg das folgende Chart ergeben:

Ja, huch... ein ähnliches Bild wie 2016, wenn man davon ausgeht, dass gut und schlecht 100% ergeben.
Was einen jetzt stutzig machen sollte: Wenn es eben nicht hauptsächlich die wirtschaftlich Abgehängten sind (siehe Eingangs-Tröt), die die Blauhemden und ihre billige Kopie wählen, wer ist es denn dann? Besitzstandswahrer? Menschen, die denken, sie gehören noch irgendwie zur Mittelschicht und die meinen, man muss den Abstand zum Mob nur groß genug halten, um absturzsicher zu sein? Es ist eben komplexer als einfaches Armen-Bashing.
Man sollte aber durchaus fragen, warum in Zeiten, in denen eine freidrehende Regierung ständig auf die Schwächsten der Gesellschaft einprügelt, die Berichterstattung in die gleiche Kerbe schlägt.
Geht aber noch weiter:
Zur Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg gibt es ein interaktives Chart, in dem man nach diversen Kriterien auswählen kann, u.a. die wirtschaftliche Selbsteinschätzung:
Und interessanterweise tauchen da bei der guten Selbsteinschätzung ganz andere Zahlen auf, so dass die Summe der jeweiligen Einschätzungen eben nicht mehr 100% ergibt.
Ja, es ist möglich, dass 2016 satte 87% der CDU-Wähler und -Wählerinnen sich als wirtschaftlich gut aufgestellt sahen, während es 10 Jahre später in 2026 nur noch 31% sind; möglich, aber unwahrscheinlich.
Hat man die Fragen bei den Exit-Polls abgeändert, so dass es keine Vergleichbarkeit zu den Vorjahren gibt? Und wenn, wozu dann Umfragen? Statistiken sind auch dazu da, um Trends zu erkennen und möglichst frühzeitig zu reagieren. Oder zumindest, um Vorgänge einzuordnen.
So wie jetzt sind es bunte Balken ohne seriösen Mehrwert, die schlimmstenfalls (beabsichtigt oder nicht) ein bestimmtes Framing bedienen.
Ich bin gespannt auf die Statistiken zu den anstehenden Landtagswahlen.
BTW: Ist der Umgang mit solchen Statistiken eigentlich Thema im Schulunterricht?
Disclaimer: Ich bin kein Mathematiker oder Statistiker, sondern jemand mit einem inneren Statistik-Monk, der bei solchen Sachen Puls bekommt. Falls jemand eine schlüssige Erklärung für diese Art der Wahlstatistiken parat hat, würde ich mich über eine Nachricht freuen.