
Ein Tag im Museum Folkwang
Da wir uns aus Gründen für den Mai ein Deutschlandticket zugelegt haben, wäre es Verschwendung, es nicht zu nutzen. Aus diesem Grund haben wir uns am 1. Mai auf den Weg ins Museum Folkwang nach Essen gemacht.
Es hat sich tatsächlich gelohnt.
Hintergrund
Zunächst einmal zum Namen "Folkwang": Der ist der altnordischen Mythologie entlehnt und bezeichnet den neunten der zwölf Götterpaläste in Asgard, in dem sich die gefallenen Helden nach ihrem Tod versammeln. Hausherrin ist Freyja, die Göttin der Schönheit, Liebe und Ehe.
Karl Ernst Osthaus gründete 1902 ein Folkwang-Museum in Hagen, um einerseits die verschiedenen Künste wie Musik, Tanz, Theater, Gestaltung und Wissenschaft interdisziplinär zu vereinen und andererseits Kunst und Lebensalltag unabhängig von Stand, Vermögen und Herkunft zu verbinden. 1922 wechselte die Sammlung von Hagen nach Essen. Zu diesem Anspruch und der Wirklichkeit nachher mehr.
Das Museum wird finanziert durch diverse Stiftungen, Organisationen und Konzerne, was es dem Museum ermöglicht, den Besuch der Dauerausstellung für alle Menschen kostenlos anzubieten. Da muss jeder selber für sich klar haben, ob er es ok findet, wenn renditegetriebene Konzerne wie e.on oder RWE, die jetzt gerade nicht durch Philanthropie auffallen, Geld für Kunst und Kultur rausrücken. Generell ist das Thema Kulturförderung durch Stiftungen oder Konzerne nicht unkritisch. Aber das ist ein anderes Thema.
Anfahrt
Das Museum ist, fußläufig südlich vom Essener Bahnhof gelegen, innerhalb von ca. 15 Minuten erreichbar. Es lohnt dabei der Weg durch den Stadtgarten, vorbei an Theater und Philharmonie. Die Anbindung über den ÖPNV hat noch viel Luft nach oben.
Das Museum
Modern, ein bisschen unterkühlt (siehe Hauptbild dieses Beitrags). Aber das muss wohl so, damit die Kunst für sich wirken kann. Kein Vergleich zum Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, bei dem man den Raum an sich bestaunen kann, wenn die Exponate mal nicht so dolle sind.
Lasst Euch aber nicht täuschen: Wenn Ihr reinkommt, gibt es viel, also: sehr viel offenen Raum. Und der erste Raum mit Gemälden ist tatsächlich überschaubar mit Gemälden behängt. Der nächste auch. Aber hinter jeder Ecke und jedem Durchgang geht es weiter. Und weiter. Und weiter.
Und dann steht man plötzlich ganz unspektakulär vor einem Salvador Dalí, einem August Macke, einem Caspar David Friedrich, einem Vincent van Gogh.
Das macht auch ein bisschen den Charme dieses Museums aus.
Dazu kommt, dass alle Beschäftigten extrem freundlich und mitteilsam waren. Wir haben einige gute Gespräche mit dem Sicherheitspersonal über die Ausstellung und die ausgestellten Werke führen können.
Die Ausstellung
Die aktuelle Ausstellung "Neue Welten" vereinigt eine Vielzahl von Exponaten aus unterschiedlichen Epochen und führt sie unter einem Thema zusammen. Das mag auf den ersten Blick in die Irre führen, aber meistens erschließt es sich dann doch. Mein Aha-Erlebnis hatte ich im Raum mit dem Thema "Klimawandel", der trotz eines abstrakten Portraits von Greta Thunberg eben nichts mit dem Klimawandel zu tun hat, der uns gerade bei den Eiern hat.
Es geht speziell in diesem Themenraum eher um einen Dogmenwechsel bei der Portraitmalerei. Waren es vorher berühmte Personen, die man auf die Leinwand brachte, emanzipierten sich irgendwann die Kunstschaffenden und verewigten auch gewöhnliche Menschen. Ein netter Twist und ein etwas tieferer Einblick in Kunstgeschichte. I like!
Drei Werke bzw. zwei Gemälde und eine Installation haben es mir angetan:
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Savador Dalí, Ich mag Dalí. Besonders, seit ich 1990 auf der InterRail-Tour das Dalí-Museum in Figueres besuchen konnte. Seitdem begeistert mich Surrealismus in jeder Spielart. |
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Arnold Böcklin, Wir standen eine Viertelstunde vor diesem Bild und haben uns eine Hintergrundgeschichte dazu ausgedacht. Wer hat wen ermordet, warum und wie geht es wohl weiter... Wir hatten keine Ahnung vom historischen und künstlerischen Hintergrund dieses Bildes, aber es hat Spaß gemacht. So sollte Kunst auch sein! |
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Auf einer Grünfläche vor einer großen Fensterscheibe stand ein Ahornbaum als Kunstinstallation. An einigen dicken Ästen hatte jemand Vibratoren angebracht, die ca. alle 20 Minuten in unregelmäßiger Reihenfolge die Äste zum Zittern brachten. Der Baum schüttelte dann seine Äste wie eine Katze, die mit den Pfoten in eine Pfütze getreten ist. Ein Baum, der sich im Wind wiegt, ist unspektakulär. Fängt aber ein Baum an, scheinbar eigenständig zu zittern, entwickelt er ein faszinierendes Eigenleben. Eine tolle Idee. Ich war sehr davon angetan. |
Es gab außerdem viele weitere Gemälde, Skulpturen, archäologische Fundstücke, Poster und Installationen, die hier zu nennen den Rahmen sprengen würde.
Nach gut 4 Stunden waren wir wieder draußen und konnten uns als Belohnung im Café nebenan leckeren Kuchen gönnen.
Kritik
Ich bin ein kritischer Museumsgänger, weshalb es besonders für meine Begleitungen immer eine Herausforderung ist. Ein angrenzendes Museums-Café ist deshalb ein Muss. So kann man entspannt bei einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee darauf warten, dass ich endlich zum Ende komme.
Das Museum Folkwang beschränkt sich leider wie so viele andere Museen auch darauf, die Exponate einfach nur auszustellen und einen Zettel dranzupappen, wer das Werk wann geschaffen hat. Immerhin ergänzen sie es meistens um einen Hinweis auf Provenienz, also, ob es geschichtlich irgendwelche Altlasten bezüglich Raubkunst etc. gibt und wer es wann von wem gekauft hat.
Ich möchte aber meistens gerne mehr Hintergründe zu den ausgestellten Stücken erfahren: Unter welchen (Lebens-)Bedingungen ist es entstanden? Wie fügt es sich in seine Zeit ein, wo bürstet es gegen den Strich, was für eine Symbolik steckt vielleicht dahinter?
Das ist bei Kunstmuseen sicherlich etwas schwieriger als bei naturkundlichen Museen, aber dennoch möglich. Ich verweise gerne auf den Youtube-Kanal "Great Art Explained - In 15 Minutes". Hier bekommt man in 15 Minuten alle Hintergründe zu berühmten Werken. Das müsste doch auch offline im Museum gehen...
Beim Museum Folkwang fällt außerdem auf, dass die Beschreibungen der Themenräume oft vergleichsweise kompliziert und verkopft gehalten sind. Auch die Beschreibung vieler Werke im Online-Katalog folgt einem Kunst-Vokabular, das sicherlich unter Sachkundigen gepflegt und verstanden wird, aber mit dem ursprünglichen Folkwang-Gedanken der Offenheit auch Laien gegenüber in meinen Augen nur schwer zu vertreten ist. Es bleibt der Eindruck, man möchte sich weiterhin nur mit dem Bildungsbürgertum abgeben.
Möchte man Begeisterung außerhalb seiner Bubble wecken, sollten die Einstiegshürden so niedrig wie möglich sein. Vielleicht wäre hier mehr "Einfache Sprache für kulturelle Bildung" eine Idee?
Aber generell ist beides kein Showstopper für einen Besuch.
Fazit
Ihr seid gerade in der Gegend und habt 2-4 Stunden Zeit, die Ihr gerne für ein ungezwungenes Kunsterlebnis investieren möchtet? Ihr möchtet Euch auch mal auf moderne Kunst einlassen? Dann ist das Museum Folkwang eine Empfehlung!
Es empfiehlt sich, vorher vielleicht auf Youtube einen Überblick über die aktuelle Ausstellung anzusehen und sich über die Exponate mit etwas mehr Hintergrundwissen zu versorgen. Die ausführliche Datenlage ist vor Ort etwas dünn.
Abschließend ein kleiner Tipp: Im Eingangsbereich vor den Kassen hängt eine Kamera, deren verfremdetes Bild Ihr auf einer riesigen Monitorwand sehen könnt. Spielt damit. Wir hatten zum Schluss noch viel Spaß. ;-)