
Im Grunde ist jedes Unglück gerade nur so schwer, wie man es nimmt
Seit November 2022 habe ich einen Account beim Mastodon-Server meines Vertrauens: NRW.social. In dieser Zeit gab es ab und an ein paar Ruckler, aber im Großen und Ganzen war die Lage bisher stabil bei kuscheliger Community.
Nun gab es am 01.09.2026 einen Sicherheitsvorfall auf dem Server, so dass sich die beiden Admins gezwungen sahen, den Server vom Netz zu nehmen. Die Reparaturarbeiten zogen sich etwas in die Länge; auch, weil ein schon länger geplanter Schritt zur Professionalisierung jetzt endlich und notgedrungen Realität wurde.
Hier ein paar Gedanken dazu von mir. Und am Schluss auch noch Lessons learned und Tipps für Einsteiger und vielleicht langjährige Mastodonys.
Ich habe in dieser trötfreien Zeit gemerkt, dass es mir doch ein wenig fehlt, einfach zwischendurch mal mehr oder weniger belangloses Zeug zu tröten. Es macht Spaß, sich mit ebenso mehr oder weniger fremden Menschen auszutauschen, Inspiration zu geben oder zu bekommen und ganz allgemein seinen Horizont auf achtsame und wertschätzende Weise zu erweitern.
Und tatsächlich fühlte es sich ein bisschen so an, als wenn man eine 4-bändige, jeweils 800 Seiten starke Saga zu Ende gelesen hat und die Geschichte mit den über die Wochen liebgewonnenen Charakteren plötzlich vorbei ist (looking at you, Otherland!).
Ja, ich weiß, es sind vermutlich die gleichen Belohnungs- und Glückshormonausstoßmechanismen, aber ich kann jederzeit aufhören!!1!1 😁
Standorttreue
Auf der Suche nach zusätzlichen Infos über den Zustand von NRW.social fand ich auf anderen Mastodon-Instanzen die Tröts bekannter NRW.social-Accounts, die ein neues Zuhause gefunden und sich dort teilweise schon gemütlich eingerichtet haben. Generell war aber die Unsicherheit groß, wie und mit welchem Account es denn nun weitergehen mag.
Ich bin ein treuer Zeitgenosse, der sich sehr schwer damit tut, einfach Zelte abzubrechen. Deshalb kam mir gar nicht in den Sinn, einen neuen Account auf irgendeiner anderen Mastodon-Instanz anzulegen, zumal die beiden Admins von NRW.social sehr offen mit dem Stand der Dinge und den weiteren Schritten umgingen. Ein Ende der Durststrecke war immer in Sicht. Und solange konnte ich meinen Trötbedarf jetzt auch noch zügeln.
Und außerdem: Die Philosophie hinter Mastodon ist ja, dass man mit seinem Account (Profildaten, Tröts, Follower etc.) jederzeit problemfrei zu einem anderen Server umziehen kann. Allerdings war ein Zugriff auf den Account nicht möglich, so dass ein Umzug quasi einem Neuanfang gleichkam. Das wollte ich mir dann doch nicht ohne Not antun!
Informationslage
Auf status.nrw.social gab es besagte, hoffnungsfrohe Infos. Dennoch war es, wie in sozialen Netzwerken üblich, immer interessant, zumindest die Nachrichten anderer Betroffener zu lesen.
Die meisten Mastodon-Instanzen sind offen lesbar und die Struktur im Fediverse, also der Biosphäre u.a. aller angeschlossenen Mastodon-Server, ermöglicht es, Nachrichten von allen Servern lesen zu können, wenn man weiß, wonach man suchen muss.
Auf Mastodon.social war es also möglich, sich alle Tröts mit dem Hashtag #nrwsocial anzeigen zu lassen. Und dort fand man dann auch z.B. die Tröts von Accounts mit (temporärem) neuen Zuhause.
Über Bande gab es also zumindest eine Verbindung in eine Richtung.
Letztendlich haben die Admins ihre/meine Mastodon-Instanz nach 5 Tagen wieder online geschaltet. Ich kann nur ahnen, was für ein stressiges Gewusel dafür notwendig war.
Mein großer Dank gilt @dbeaver und @andreS für Aufwand und Einsatz!
Lessons learned
Regelmäßig archivieren
Der Schaden für die Mastodon-Instanz NRW.social war sicher groß, aber nicht endgültig. Es gibt andere Szenarien, in denen eine Rettung nicht möglich oder gewollt ist, so dass es eine gute Idee ist, seine Daten regelmäßig zu sichern.
Im Account-Profil kann man sich unter "Einstellungen ➡ Importieren und Exportieren ➡ Exportieren" ein Archiv seiner Beiträge, Listen, hochgeladenen Medien usw. erstellen. Dieses Archiv lässt sich im Falle eines Falles in ein neues Profil in einer anderen Instanz importieren, so dass man z.B. alle seine Follower wieder am Start hat.
Der Umzug des Profils zu einer anderen Instanz ist in den Einstellungen ebenfalls beschrieben. Falls, wie in diesem Fall, der Zugriff auf die alte Instanz unmöglich ist, muss man sich halt einen neuen Account anlegen und dann das Archiv importieren.
Speicherplatz sparen
Ich kann mir gut vorstellen, dass die NRW.social-Datenbank riesig ist, weil sehr viele Accounts sehr viel eigenen Content (Text, Bilder, Gifs, Videos) seit ihrer Registrierung in der Timeline haben. Dieser Datenbank-Tanker muss bei einem Serverwechsel hin- und hergeschoben werden, was zeitaufwändig und fehleranfällig ist.
Die Lebensdauer meiner Tröts betrug bisher 2 Monate. Das habe ich jetzt auf 1 Monat reduziert.
Wenn es Tröts gibt, die zu behalten sich lohnt, markiere ich die als Lesezeichen. Damit bleiben die in der Timeline. Zumindest habe ich das so in meien Einstellungen aktiviert.
Der Mastodon-Server optimiert je nach Einstellung hochgeladene Medien selber, was aber immer noch relativ große Dateien ergeben kann. Entsprechend werde ich versuchen, die Bilder (gifs lade ich selten, Videos gar nicht hoch) nach Möglichkeit so klein wie möglich (< 1MB, eher < 100kB) zu halten.
Zweitprofil anlegen
Nichtsdestotrotz werde ich mir einen alternativen Account auf einer anderen Mastodon-Instanz anlegen aus zwei Gründen.
Schnellerer Austausch
Bei einem weiteren Shutdown kann ich mich schneller mit anderen Betroffenen austauschen.
Erweiterung der Bubble
Die Timeline der Heimatinstanz entwickelt sich mit der Zeit zu einer Bubble, in der man sich kennen und schätzen lernt. Wenn man sich aber immer in der eigenen Wertekuhle suhlt, gibt es nur wenig spannende Einflüsse jenseits des Tellerrands.
Die lokale Timeline einer anderen Instanz kann da durchaus hilfreich sein. NRW.social wird aber weiterhin mein Tröt-Mittelpunkt sein.
Spenden
Die Admins von NRW.social (sowie die meisten anderen Mastodon-Instanzen) betreiben den Server in ihrer Freizeit und bezahlen die Serverkosten aus eigener Tasche.
Ich habe jetzt nach 5 Tagen ohne Mastodon gemerkt, dass es mir doch fehlt. Da ich nicht Generation MyDealz sein möchte, werde ich den Admins regelmäßig etwas spenden. Wenn Ihr Euch das auch vorstellen könnt: Sucht mal den Link zur Über-Seite Eurer jeweiligen Instanz. Mit Glück findet Ihr da Möglichkeiten, den Admins eine kleine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Ansonsten schreibt ihnen eine Nachricht und fragt, wie es geht.
Falls Euch noch weitere hilfreiche Optimierungen einfallen, würde ich mich über eine Nachricht per Mail an blog@fetopa.de oder per Mastodon freuen.
Letztendlich sind wir alle das Fediverse. Und es funktioniert nur, wenn alle umsichtig mitmachen.
(Das Zitat aus dem Artikel-Titel stammt von Marie von Ebner-Eschenbach)