
Je mehr Verbote, umso ärmer das Volk
Es geht der Plumpssack um in der Welt, und der heißt Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Für die (konservativen) Machtmenschen aller Länder ist die Erlebenswelt der jungen Generationen ein Buch mit sieben Siegeln. Und wie es halt so üblich ist in diesen Elfenbeintürmen, sind Verbote die ersten (und oft einzigen) Mittel der Wahl. Praktischerweise ist das dann auch gleich viel billiger, als die bestehenden Probleme im Kern anzugehen.
Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist 1958 geboren und war sicherlich auch mal jung. Damals (auch noch zu meiner Jugendzeit, etwa 20 Jahre später) tobten wir Kinder rudelweise durch die Nachbarschaft. Das Leben spielte (sic!) sich auf der Straße ab.
In einer Grundsatzrede auf dem "Europäischen Gipfel zu künstlicher Intelligenz und Kindern" in Kopenhagen zielte Frau von der Leyen mit ihrer Bemerkung "Geben wir den Kindern die Kindheit zurück." eben genau auf dieses verklärte Bild der unbeschwerten Jugend ohne Internet, aber dafür mit Versteckspielen, Fußball, Murmeln und unbändiger Fantasie beim Erfinden neuer Straßenspiele.
Ja, das gibt es so nicht mehr! Auch ich alter weißer Mann wundere mich beim Spazierengehen manchmal, dass in abgelegenen Wohngegenden am Wochenende selbst bei bestem Wetter überhaupt keine Kinder mehr auf der Straße spielen und hänge leicht melancholisch den Erinnerungen nach, was wir damals für Spaß zwischen den Häuserblocks gehabt haben.
Das muss aber eben nicht bedeuten, dass die Kinder keine Kindheit mehr haben! Das Leben spielt sich heutzutage hauptsächlich im Netz ab, und da kann Oppa noch so viel vom Kriech erzählen: Das ist deren moderne Erlebenswelt, ob es den alten Säckinnen und Säcken jetzt passt oder nicht.
Und natürlich gibt es viele Gefahren, auf die wir die Kids nicht vorbereiten. Vor 15 Jahren habe ich an Schulen vor Lehrkräften, Kindern und Eltern Workshops und Vorträge gehalten zum Thema Gefahren im Internet. Und es war damals schon heftig, was alles auf uns alle einprasselte (nicht nur auf die Kinder)!
In den vergangenen 15 Jahren ist die Situation nicht besser geworden, sondern hat sich noch verschärft: Ging es damals noch eher um Chatportale als Anbahnungsräume für sexuelle Belästigung Minderjähriger und Gefahren durch klassische Schadsoftware, haben soziale Medien und KI mittlerweile an Gefahrenpotential massiv zugelegt. Gleichzeitig ist aber die Medienkompetenz kaum besser geworden. IT hat zwar flächendeckend in den Schulen Einzug gehalten, aber dabei ging es Politik und Verwaltung wohl eher darum, zu beweisen, wie fortschrittlich man die Klassen ausstatten kann. Wer mag, der kann ja mal bei seiner Stadtverwaltung a.k.a. Schulträger nachfragen, wie es um eine aktuelle Medienentwicklungsplanung steht... ich warne vor zu hohen Erwartungen!
Schweden, der Vorreiter in Sachen Digitalisierung in der Bildung macht aktuell eine Rolle rückwärts und stellt wieder auf analogen Unterricht um. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass die Generation Z (ca. 1997-2012, Zoomers) die erste Generation in der Geschichte der Messung kognitiver Fähigkeiten ist, die nicht mehr klüger ist als ihre Eltern im gleichen Alter. Ich lege Euch sehr(!) das Video von Dr. Jared Cooney Horvath zu den Forschungsergebnissen ans Herz; fünf gut investierte Minuten Lebenszeit!
Wir haben also ein sehr viel größeres Problem als Kinder und Jugendliche, die sich auf TikTok verlieren oder ihr Gehirn an eine KI outsourcen. BTW: Es trifft nicht nur Kinder und Jugendliche! Auch Erwachsene sind wehrlos den manipulativen Algorithmen der sozialen Medien ausgesetzt und lassen immer öfter durch ChatGPT und Claude etc. fremddenken.
Es wäre eine radikale Strategie notwendig, eine moderne Bildung zu schaffen, die sich mehr an den psychischen Anforderungen der Kinder und Jugendlichen orientiert als an der ökonomischen Verwertbarkeit von Schulabschlüssen. Diese Strategie müsste natürlich auch den kompetenten Umgang mit digitalen Medien beinhalten, aber eben nicht als Fetisch, dem sich alle anderen Fächern unterzuordnen haben.
Ich sehe tatsächlich KI auch als große Chance, unser beschissenes, auf Segregation und Ökonomisierung ausgelegtes Schulsystem zu reformieren. Ein individueller Unterricht wäre möglich, bei dem die personalisierte KI als Tutor Begeisterung und Neugier weckt und die Entwicklung antreibt, während die Lehrkraft begleitet und motiviert. Keine überfüllten Klassen mehr, Inklusion würde ganz automatisch funktionieren, weil alleine schon der bildungsbürgerliche Beißreflex aus Furcht vor Leistungsbremsen wegfiele. Ich empfehle dazu das Video von Sal Khan, dem Gründer der Khan Academy, in dem er davon erzählt, wie KI die Bildung retten statt zerstören könnte.
Es bräuchte also eine ausgewogene Mischung aus analog und digital, um zuversichtliche, mündige, selbstbewusste und kompetente Menschen aus den Schulen ins Leben zu entlassen.
Das wird leider so nicht kommen. In Deutschland wird Bildung verwaltet, nicht gestaltet.
Und was das Social-Media-Verbot angeht: Es gibt für eine Vielzahl von Herstellern umfangreiche Werbeverbote und -einschränkungen für Produkte mit nachweislich schädlichen Wirkungen. Man spricht zwar auch darüber, den gewinnorientierten Betreibern von Social-Media-Plattformen zu verbieten, schädliche, weil suchterzeugende Algorithmen zu verwenden. Aber es braucht auch immer jemanden, der sich traut, das zu kontrollieren und durchzusetzen. Gerade beim Durchsetzen tut man sich aktuell etwas schwer.
All das ist natürlich langwieriger, aufwändiger und teurer. Ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche ist da schon einfacher bei maximalem Aktionismus zu haben. Und ganz nebenbei kann man auch gleich wieder eine Überwachungsstruktur zu etablieren versuchen, denn es gilt ja, die lieben Kleinen vor Gefahren zu schützen. Denk doch mal einer an die Kinder!!11!1
Das Artikelbild zeigt "Das Gerücht" (1953) von A. Paul Weber, zu sehen im A. Paul Weber-Museum in Ratzeburg. Eine Besuchsempfehlung!
Das Zitat im Titel ist von Laotse.