
#nolympia - Warum ich gegen Olympia im Rhein-Ruhr-Gebiet (oder sonstwo) bin
Derzeit läuft neben vielen anderen NRW-Kommunen auch in Aachen der Ratsbürgerentscheid darüber, ob sich die Stadt als Austragungsort der Olympischen und Paralympischen Spiele ab 2036 bewerben soll.
Heute, am 19.04.2026, endet die Frist zur Stimmabgabe. Die Spannung steigt.
Ein Rant.
Kosten für Bürgerentscheide und Marketing
Mit beträchtlichen Steuergeldern (1) in Höhe von zunächst 3,5 Millionen Euro fahren Land und Kommunen gerade eine umfassende, wirkmächtige Werbekampagne zugunsten der Bewerbung als Austragungsstätten. Dazu kommen die Kosten in Höhe von geschätzt 11,2 Millionen Euro für die Ratsbürgerentscheide in den 17 beteiligten Kommunen (2); das Land NRW übernimmt davon 85%, wobei trotzdem die ganzen 100% aus Steuergeldern stammen, egal, ob Land oder Kommunen es bezahlen.
Und wenn es nicht das eigene Geld ist, dann lässt sich natürlich trefflich und laut die Werbetrommel schlagen.
Das geht sogar so weit, dass z.B. die “Behörde für Inneres & Sport” der Stadt Hamburg an den Hamburger Schulen "Unterrichtsmaterial" pro Olympia verteilen ließ (3). Kann man machen, hat aber Geschmäckle wie Laternenpfahl ganz unten! Vielleicht weiß eine Lehrkraft aus NRW, ob der Beutelsbacher Konsens hier in NRW ähnlich viskos ausgelegt wurde. Über eine Nachricht würde ich mich freuen.
Kosten- und Einnahmenplanung für die eigentlichen Spiele
Außer ein paar groben Prognosen über die Durchführungskosten in Höhe von 4,8 Milliarden Euro, unbekannte Investitionskosten für Sportstätten und Infrastruktur und geschätzte Einnahmen in Höhe von ca. 400 Millionen Euro (Gewinn für IOC/DOSB, wohlgemerkt!) (4, dort unter Fragen und Antworten > Kosten) ist die Finanzplanung arg dünn.
Neben viel Optimismus-Blabla finden sich kaum valide Berechnungsgrundlagen. Gerade Aachen mit seinem über 100 Jahre alten CHIO müsste mittlerweile klar haben, was so eine Wettkampfveranstaltung kostet und was es der Stadt (also Einzelhandel, Gast- und Hotelgewerbe etc.) bringt.
Seit auf dem CHIO-Gelände jedes Jahr auf dem Wettkampfgelände eine eigene umfangreiche Fress-, Sauf- und Konsummeile (a.k.a. "Village") aufgebaut wird, hält sich der Drang, zum Shoppen in die Stadt zu gehen, gefühlt sehr in Grenzen. Und es gibt offiziell keine Zahlen darüber, was der CHIO tatsächlich den Hotels, Läden und Cafés in der Innenstadt an Umsatz bringt.
BTW: Dieses Jahr steht die Reit-WM in Aachen an. Das wäre dann eine Gelegenheit, mal Einnahmen und Ausgaben für ein vergleichbares Event zu evaluieren. Ich vermute aber, dass auch das nicht stattfinden wird; zumindest würde es mich wundern.
Generell gehe ich aus Erfahrung bei hochpreisigen Projekten der Verwaltung davon aus, dass Kosten zu niedrig und Einnahmen zu hoch angesetzt sind. Und da die Bevölkerung für eine Olympiabeteiligung eingestimmt werden soll, wird es hier nicht anders sein. Deshalb kein Vertrauensvorschuss, sorry.
Ach ja: Wir reden hier über kommunale Ausgaben in Millionenhöhe in 10, 14 oder 18 Jahren. Ich wage mal die kühne Behauptung, dass die Haushalte der Kommunen bis dahin eher nicht ausgeglichen sind.
Marketing
Das Argument: Olympia macht Städte auf ein weltweites Publikum aufmerksam, das dann sicher gerne mal persönlich vorbeikommen möchte.
Speziell für Aachen kann ich sagen:
- Wer Pferdesport nicht mag, der schaut sich die Wettkämpfe nicht an.
- Wer Pferdesport mag, der kennt Aachen durch CHIO und Pferde-WM.
- Die wenigen Menschen, die durch die Olympischen Spiele auf den Geschmack kommen könnten, rechtfertigen keine Ausgaben in Millionenhöhe bei einem eh schon klammen städtischen Haushalt.
Das mag für andere Städte anders sein. Für Aachen ist es meiner Meinung nach kein Bewerbungskriterium.
Sport? Welcher Sport?
Für mich das stärkste Argument gegen eine Beteiligung als Olympiaaustragungsort:
Wer glaubt, dass es bei Olympia hauptsächlich um Sport geht, der glaubt auch, dass der Kapitalismus für die Menschen da ist!
Es handelt sich um ein knallhartes Milliardengeschäft um Lizenzen und Rechteverwertungen. Sport ist dabei nur das Deckmäntelchen für Gewinnmaximierung. Und das steht tatsächlich auch so in der Finanzplanung der Olympiabefürworter (4):
Für die Durchführung Olympischer und Paralympischer Spiele in KölnRheinRuhr rechnet der Deutsche Olympische Sportbund nach heutigem Stand mit einem Gewinn von rund 400 Millionen Euro.
Jetzt könnte man meinen, dass dieses Geld zu einem Großteil an die ausgeschüttet wird, die den olympischen Geist in die Sportstätten tragen und dort fair gegeneinander antreten ("Gegner, keine Feinde!" und so).
Nun, ja... falsch gemeint. Die Athletinnen und Athleten mühen sich für einen Stundenlohn von 7,41 Euro brutto ab (5), während sich die Funktionäre des IOC 6- bis 7-stellige Gehälter gönnen (6).
Die Beteiligung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an den Bewerbungskosten beträgt übrigens 300.000 Euro pro Bewerberregion. Wow, wie freigiebig. Nicht.
Fazit
Ja, viele Sportstätten in Deutschland sind marode, allerdings sind das eher kommunale Sporthallen, Sportplätze und Schwimmhallen. Dort wären die Millionen meiner Meinung nach sehr viel besser und nachhaltiger investiert.
Tourismus sollte hauptsächlich punkten über ein dauerhaftes kulturelles, landschaftliches und weltoffenes Angebot und nicht darüber, dass da wenige Menschen für ein paar Tage gegeneinander Sport treiben.
Über sehr viele Steuergelder finanzieren die Regierungen und Verwaltungen ein Massenevent, das fragwürdige Einnahmen generieren soll, aber hauptsächlich Geld in die Kassen von windigen Geschäftemachern spülen wird. Zudem missbrauchen genau diese Regierungen und Verwaltungen die ihnen anvertrauten Steuergelder, um die Bevölkerung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Vielleicht brauchen wir auch mal einen "Beutelsbacher Konsens" für unsere Gesellschaft.
Nennt mich altmodisch, antikapitalistisch oder links-grün-versifft, aber ich würde lieber sehen, dass Kinder in funktionierenden Schwimmhallen unter fachkräftiger Aufsicht das Schwimmen lernen, als dass Funktionäre durch Steuergelder finanziert noch mehr Geld in den Arsch geblasen bekommen.
Ich hoffe sehr, dass sich in jeder Bewerberregion mindestens ein Ratsbürgerentscheid gegen die Olympiabeteiligung ausspricht. Damit wäre dann das ganze leidige Thema vom Tisch.
Linkwinks
Pro-Olympia-Webseiten findet Ihr genügend. Ihr müsst ja einfach nur auf die Webseite Eurer Stadt gehen.
Hier findet Ihr weitere Infos gegen die Olympiateilnahme. Viele dieser Aktivisty verweisen auch auf Partnerorganisationen, die sie im Kampf gegen die Olympiateilnahme unterstützen.
- https://nolympiakoeln.de
- https://nolympia-colonia.de
- https://www.nolympia-hamburg.de
- https://nolympia.berlin
- https://nolympia-muenchen.de
- https://fairspielen.de
- https://www.nolympia.de
(Archivierte Webseite über die Bewerbung der Stadt München für die Olympischen Winterspiele 2018. Besonders interessant dort die Argumentationen zu Finanzrisiken, Auswirkungen auf Verkehr, Tourismus und Bevölkerung, Sicherheitsmaßnahmen vs. Bürgerrechte etc.)
Verlinkte Quellen:
- (1) https://olympiabewerbung.nrw/transparenzerklaerung
- (2) https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/olympia-bewerbung-buergerentscheid-kosten-100.html
- (3) https://www.nolympia-hamburg.de/ist-die-schule-ein-besonders-geschuetzter-raum-fuer-politische-bildung
- (4) https://olympiabewerbung.nrw
- (5) https://www.zdfheute.de/sport/olympia-2024-ioc-einnahmen-kritik-athleten-beteiligung-100.html
- (6) https://projects.propublica.org/nonprofits/organizations/980123241