
Ein Besuch in der Hamburger Kunsthalle
Auf meiner Reise an die Ostsee hatte ich neulich ein paar Stunden Aufenthalt in Hamburg eingeplant, um dort ein Museum zu besuchen, das ich noch nicht kenne. Die Entscheidung fiel eher spontan auf die Hamburger Kunsthalle, die aktuell die Ausstellung "THIS IS THE MODERN WORLD - Durchbrüche in der Kunst 1900–1960" zeigt. Der Titel der Ausstellung machte mich dann doch neugierig, so dass die Deichtorhallen (eher Fotografie, was eh nicht so mein Ding ist) und das Museum der Illusionen (dann beim nächsten Mal) nicht zum Zuge kamen.
Der Besuch hat sich gelohnt, aber wie gewohnt mit Abstrichen.
Hintergrund
Die Hamburger Kunsthalle hat eine über 150 Jahre alte Geschichte. Die Mitglieder des 1817 gegründeten Hamburger Kunstvereins konnten Dank zweier umfangreicher Schenkungen einflussreicher Kunstsammler und freigiebiger Spenden der Hamburger Bevölkerung im Jahr 1869 ein Ausstellungshaus errichten. Über die Jahrzehnte wuchs der Bestand an Kunstwerken auf rund 145.000 Exponate ab dem 14. Jahrhundert an, was die Hamburger Kunsthalle nach eigenen Angaben nicht nur zum größten Hamburger Museum macht, sondern zu einer der wichtigsten deutschen Kunstsammlungen.
Im Bestand befinden sich Gemälde, Skulpturen, Münzen, Reliefs, Kupferstiche und Medaillen, von denen rund 1.000 Exponate ständig zu besichtigen sind.
Die Hamburger Kunsthalle bezeichnet sich als Bürgermuseum, also getragen durch Spenden von Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen. Natürlich gilt auch hier wieder (wie beim Museum Folkwang): Man muss es für sich klar haben, ob man mit der Kunstförderung durch Steuersparmodelle wie Stiftungen fein ist. Im Gegensatz zum fördergeldfinanzierten Museum Folkwang ist der Eintritt allerdings standardmäßig nicht kostenlos.
Anfahrt und Eintritt
Der Weg zum Museum ist einfach:
Aus dem Hamburger Hauptbahnhof am Ausgang Glockengießerwall raus, dann rechts halten und nach ungefähr 300 m steht man vor dem beeindruckenden Hauptgebäude. Wer von außerhalb unbedingt mit dem Auto nach Hamburg reinfahren möchte, der ist selber schuld.
Aktuell (Stand September 2026) kostet der Eintritt für Erwachsene ohne Ermäßigung happige 18 €. Allerdings gibt es sehr soziale Abstufungen, und am 1. Donnerstag im Monat ist der Eintritt von 18-21 Uhr frei.
Die Räumlichkeiten sind riesig und die Ausgaben für Unterhalt und Erwerb neuer Exponate dürften entsprechend hoch sein. Aber es sind halt erstmal 18 €, die man über haben muss.
Das Museum
Beeindruckend!
Der wuchtige, rot-braune Klinkerbau lässt nicht vermuten, dass die Ausstellungsräume innen freundlich, hell und offen gestaltet sind. Das Personal ist von überschwänglich freundlich (Grüße an den Herrn an der Kasse!) bis zu hanseatisch muffelig (stur zwischen Betrachter und Kunstwerk durchzulatschen, geht gar nicht!).
Ich empfehle, nach der Ticketkontrolle den Treppenaufgang zu nehmen und dann in der ersten Etage direkt gerade durch zum ersten Ausstellungsraum zu gehen. Der Kontrast zu dem, was danach kommt, kann krasser kaum sein. Treppenaufgang und Raum sind so wuchtig, wie es das Gebäude von außen verspricht. Wer nicht auf großformatige Schinken alter Meister steht, geht dann gleich nach rechts oder links durch und landet in der besagten hellen und offenen Umgebung.
Im Obergeschoss hängen hauptsächlich Gemälde und auch ein paar Skulpturen sind zu sehen. Im Erdgeschoss findet man dafür Skulpturen, Reliefs, und Münzen. Die Galerie der Gegenwart ist in einem extra Gebäude gegenüber dem Haupthaus untergebracht. Aus Zeitmangel (und weil mir moderne Kunst eh kaum etwas sagt) habe ich den Besuch dort guten Gewissens geschlabbert.
Die Räume im Haupthaus sind oft sehr groß mit hohen Decken und damit extrem hellhörig. Schon einige wenige Besucher, die ein Museum mit einer Stehparty verwechseln, reichen aus, dass es unangenehm laut wird. Dafür kann das Museum nichts. Das ist halt Erziehungssache.
Wer Glück hat, der ist in dem hinteren, kreisrunden Neubau von 1909 (das ist der Bau mit der Kuppel, auf den man aus Richtung Hauptbahnhof zugeht) ganz alleine. Einen leider nur sehr schwachen Eindruck davon kann das Titelbild dieses Artikels vermitteln. Wenn Ihr da alleine seid (und wie man auf dem Bild sieht: War ich!), stellt Euch unter den Scheitelpunkt der Kuppel und tippt leicht mit dem Fuß auf den Boden. Leicht! Denn sonst fallen Euch die Ohren ab! 😉
Im Erdgeschoss findet Ihr ein kleines Café, das eine überschaubare Essens- und Kuchentheke und leckere Heißgetränke bietet. Von da aus gelangt Ihr dann auch in die Ausstellung mit den Reliefs, Münzen und Gedöns.
Da ich nur wenige Stunden Zeit hatte, bin ich nach der Sonderausstellung nur kurz durch die anderen Räume gehetzt, um zumindest einen kurzen Eindruck zu bekommen.
Erwähnte ich, dass das Museum riesig ist?
Die App
Das Museum bietet ein an sich tolle App zum Download, die einen durch Dauer- und Sonderausstellungen begleiten soll. Ich empfehle dringend, sich diese App vorab zu installieren. Und obwohl diese App 180(!) MB groß ist und man meinen sollte, dass sie alles Wissenswerte im Vorrat hat, braucht sie zwingend eine Online-Verbindung, da sie sonst nicht funktioniert und die Bildbeschreibungen nicht abspielt.
Das WLAN im Museum ist wankelmütig, so dass die Audiobeiträge teilweise nicht starten. Und der mobile Internetempfang lässt auch manchmal zu wünschen übrig. Wer sich also nicht mit einer bockigen App rumärgern möchte, der geht die Ausstellung vorher zu Hause mit der App durch und schaut sich die entsprechenden Gemälde in der Sammlung online an. Vor Ort bleibt dann nur die Aufgabe, die Gemälde zu finden, denn auch da hat die App eigene Vorstellungen von Gemäldenummern. Ärgerlich.
Die Textdarstellungen zu den Gemälden funktionieren immerhin auch bei schlechtem WLAN, so dass man vor Ort wenigsten die Infos nachlesen kann.
Die Ausstellung
Lt. nettem Herrn an der Kasse zeigt die Ausstellung auch Werke, die die Kunsthalle schon längere Zeit nicht mehr präsentiert hat. Werke von René Magritte, Pablo Picasso, Edvard Munch, Wassily Kandinsky, Henri Matisse und vielen anderen, modernen Kunstschaffenden sind zu sehen, dazu thematische Ballungen wie Hamburger Hafen- und Stadtansichten (u.a. mit einem Joachim Ringelnatz).
Die Beschreibungen sind, wie meistens in Kunstmuseen, arg reduziert; ein paar warme Worte am Raumeingang zur Thematik, ansonsten halt Schilder neben den Gemälden, auf denen steht Gemälde. Ich weiß, meine Ansprüche sind da speziell, aber ich bin ein Freund von niederschwelligen Angeboten.
Ein Beispiel:
Da hängt ein Gemälde von Lovis Corinth (Selbstporträt in Rüstung) von 1914. Das ist tatsächlich spannend gemalt, hat aber auch eine Geschichte.
Er malt sich heroisch in einer Ritterrüstung und hält auch mit seiner Kriegsgeilheit nicht hinterm Berg. "Wir wollen der Welt zeigen, dass heute deutsche Kunst an der Spitze der Welt marschiert. Fort mit der gallisch-slawischen Nachäfferei unserer letzten Malerperiode!".
Vier Jahre später nach Kriegsende malt er die dieselbe Ritterrüstung zerschmettert auf dem Boden seines Ateliers.
Soweit die App. Aber das schreit doch geradezu nach einem Sidekick für das Gemälde. Ich erwarte ja nicht, dass das Gemälde von 1918 daneben hängt (geht ja auch nicht; es ist in Berlin in der Neuen Nationalgalerie). Aber warum pappt man dann nicht zumindest einen Ausdruck des Gemäldes daneben und verliert ein paar kurze Worte darüber?! So teuer kann das nicht sein.
Und diverse Kunst-Podcasts zeigen, dass es geht, Kunst interessant zu vermitteln. Zu Caspar David Friedrichs Der Wanderer über dem Nebelmeer gibt es zum Beispiel sowohl von 10 Minuten Wissen - Kunst (Obacht, ab und an nervige Werbung) einen kurzweiligen Beitrag als auch von Great Art Explained. Stattdessen hängt der Wanderer halt einfach da so rum... mit Schild (Zur Info: Der Wanderer ist nicht Teil der Sonderausstellung, sondern hing im Raum mit den anderen CDFs.)
Alles in allem war es aber tatsächlich erfrischend, in dieser Sonderausstellung spannende, aber auch irritierende Kunstwerke auf einem Haufen zu sehen.
Meine beiden Favoriten:
- Rudolf Belling, Skulptur 23, 1923
Für mich als Ingenieur und SciFi-Nerd atemberaubend. - Wassily Kandinsky, Arabischer Friedhof, 1909
Die Farbgestaltung ist maximal weit davon entfernt, traurig oder morbid zu sein. Das ist nicht die Darstellung eines Friedhofes, sondern die eines Ortes der liebevollen und glücklichen Erinnerung.
Fazit
Die Hamburger Kunsthalle lohnt sich auf alle Fälle, wenn man als leidlich Kunstinteressierter mal ein paar Stunden in Hamburg totschlagen muss, es regnet und man etwas Kleingeld übrig hat.
Wer tiefer in die verschiedenen Kunstepochen eintauchen möchte oder sich für eine spezielle Kunstrichtung interessiert, sollte seinen Besuch vorab gut planen, denn die schiere Menge an Objekten wird einen ansonsten erschlagen. Man könnte sich quasi jeden Sonntag einen neuen Raum vornehmen und etwas zu dort ausgestellten Werken, Kunstschaffenden, Techniken oder Kunstgeschichte lernen.
Für einen spontanen Besuch ohne spezielle Vorbildung keine Empfehlung; dafür ist die Rahmeninformation vor Ort einfach museumstypisch zu dünn bei zu hohem Eintrittpreis; es sein denn, am 1. Donnerstagabend des Monats für ömmesöns oder man schaut, dass man sich eine Führung gönnt.
Das Online-Angebot der Hamburger Kunsthalle ist allerdings dafür sehr gut! Die Verantwortlichen sind online und im Schulbildungsumfeld sehr umtriebig, was das Vermitteln von Informationen angeht. Die Online-Sammlung umfasst aktuell mehr als 102.000 Werke, die teils mehr, teils weniger ausführlich beschrieben sind.
Und wer tatsächlich aus der Gegend kommt und sich für Kunst etwas mehr interessiert, für den wäre evtl. eine Mitgliedschaft bei den Freunden der Kunsthalle sinnvoll. Die kostet pro Jahr 90 € und ermöglicht ganzjährig freien Eintritt in die Kunsthalle (plus ein paar weitere Goodies). Ab dem 6. Besuch im Jahr rechnet sich das.
Protipp:
Wer bundesweit einen kostenlosen oder rabattierten Besuch in über 1.300 Museen nutzen möchte, der sollte sich mal den Museumspass des Deutschen Museumsbundes ansehen. Der kostet für Menschen ohne musealen Bezug 365 € im Jahr. Klingt happig, aber dafür kommt man dann halt auch kostenlos in eine Menge deutscher Museen. Man stelle sich vor, das Deutschlandticket würde mit z.B. monatlich 29 € bezahlbar sein und man käme dann in der näheren und weiteren Umgebung kostenlos in fast jedes Museum... der Begriff Reisekultur bekäme eine ganz neue, spannende Bedeutung! Museums-Interrail. Ein Träumchen! Ich sag's nur.
Lesson learned: Ich für meinen Teil muss mir angewöhnen, mich ein bisschen besser auf Kunstmuseen vorzubereiten.